Historische Stätten der Chemie
Mit dem Programm "Historische Stätten der Chemie" würdigt die Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) seit 1999 Leistungen von geschichtlichem Rang in der Chemie. Als Orte der Erinnerung werden Wirkungsstätten bedeutender Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in einem feierlichen Akt ausgezeichnet. Ziel dieses Programms ist es, die Erinnerung an das kulturelle Erbe der Chemie wach zu halten und die Chemie und ihre historischen Wurzeln stärker in das Blickfeld der Öffentlichkeit zu rücken.
Zu jeder der Veranstaltungen ist eine Festbroschüre erhältlich, die in allgemein verständlicher Form das wissenschaftliche Werk der Geehrten und die Tragweite ihrer Arbeiten im aktuellen Kontext darstellt.










Das Gebäude wurde 1926 als Laboratorium für Farben und Textilchemie und Sitz des gleichnamigen Instituts eingeweiht. Begründet wurde das Laboratorium bereits 1893 als erstes Hochschullaboratorium seiner Art in Deutschland von RICHARD MÖHLAU(1857 – 1940), der es bis1911 leitete. HANS THEODOR BUCHERER (1869 – 1949) folgte MÖHLAU als Direktor des Laboratoriums in den Jahren 1911 bis 1913. Unter der Leitung von WALTER KÖNIG (1878 – 1964) von 1913 bis 1954 entwickelte sich das Institut zu einer weltweit führenden Einrichtung für die Erforschung von synthetischen Farbstoffen und deren Anwendung. Bahnbrechend für die Entwicklung der Farbenfotografie waren KÖNIGS Arbeiten zu den Polymethin-Farbstoffen. Die Verleihung des Namens König-Bau erfolgte noch zu seiner Amtszeit 1953. Der König- Bau wurde mit Bezug 1926 auch Heimstadt der Farbstoffsammlung, deren älteste Bestände bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück reichen. Durch systematisches Sammeln zum Zwecke der Forschung am Institut für Farben- und Textilchemie entstand eine einmalige Sammlung, die die Entwicklung der synthetischen Farbstoffe von der Entdeckung des Mauveins 1856 bis heute dokumentiert.
Johann Friedrich Gmelin (1775 - 1804) kam 1775 nach Göttingen, zunächst als ordentlicher Professor der Philosophie. 1778 wurde er zum ordentlichen Professor an der Medizinischen Fakultät ernannt und hatte dort bis zu seinem Tod die erste Göttinger Nominalprofessur für Chemie und Pharmazie inne. Damit war Göttingen anderen Universitäten in der Einrichtung von chemisch-naturwissenschaftlichen Fachprofessuren voraus. 1781 wurden der Göttinger Universität die Mittel bewilligt, ein chemisches Laboratorium zu bauen. Die Pläne für den Bau nahmen 1782 ihren Anfang, 1783 wurde gebaut. Seither steht in der Hospitalstraße in Göttingen das zweistöckige Fachwerkhaus, heute als "Wöhler-Haus" bekannt. In seinen Räumen entwickelte sich durch die Gmelin nachfolgenden bedeutenden Institutsdirektoren Friedrich Stromeyer (1776 - 1835), Friedrich Wöhler (1800 - 1882), Hans Hübner (1837 - 1884), Victor Meyer (1848 - 1897) und Otto Wallach (1847 - 1931) Göttingen zu einem Zentrum der modernen chemischen Forschung und zu einer Ausbildungsstätte von Weltrang.
Friedrich Jacob Merck, Apotheker, empfing 1668 vom Landgrafen Ludwig VI. das Privileg, die Apotheke am Schloßgraben in Darmstadt führen zu dürfen. Diese Apotheke ist, von heute aus betrachtet, die Keimzelle der Firma Merck, die im Jahr 2018 ihr 350jähriges Jubiläum feierte. Nun hätte diese Apotheke unsere Erinnerungstafel "Historische Stätte der Chemie" verdient, wenn sie denn noch stünde. Stattdessen hat der Pützer-Turm diese Auszeichnung erhalten. Dieser Turm symbolisiert seit seiner Erbauung im Jahr 1904 den Fortbestand der Firma Merck, die ihr Firmengelände zu der Zeit an der Frankfurter Straße 250 bezog, fort aus dem beengten Areal in der Darmstädter Innenstadt. Außerhalb, in Darmstadts Norden, wurde Raum für die Expansion des Unternehmens geschaffen.
Der Pützer-Turm am Werkseingang ist inzwischen als Industriedenkmal ein wohlgehüteter Schatz der Firma Merck. An der Schnittstelle zwischen Unternehmen und Öffentlichkeit symbolisiert er die Bedeutung des Unternehmens - für Darmstadt und für die Welt. Merck avancierte in 350 Jahren von einer Apotheke in der desolaten kleinen, vom 30jährigen Krieg mitgenommenen, Landgrafschaft zu einem - noch immer familiengeführten - börsennotierten Global Player und hat Darmstadt die Treue gehalten. Und aus Darmstadt wurde Zug um Zug die blühende Wissenschaftsstadt, wie wir sie heute kennen.
Friedrich Pützer (1871 - 1922), seit 1902 ordentlicher Professor für Baukunst an der TU Darmstadt und ihr späterer Rektor, gehörte als Hochschullehrer, Denkmalpfleger, Städte- und Kirchenbauer zu den prägenden Architekten seiner Zeit. Er wurde ein bedeutender Partner für das Unternehmen Merck bei der Gestaltung des neuen Firmengeländes. Von seinem Gebäudeensemble ist heute einzig der Pützer-Turm noch erhalten.
Der Turm erhielt keine technische Funktion innerhalb des Chemie-Unternehmens, sondern wurde als "Krankenkassen-, Portiers- und Beamtenwohngebäude" konzipiert. Wenn man sich vor Augen führt, daß ein Gebäude von der Höhe, die der Pützer-Turm hatte, damals etwas unerhört Modernes und ganz Neues gewesen ist, dann ist leicht vorstellbar, daß dieser Turm damals viel mehr als heute die Funktion einer Selbstdarstellung des Unternehmens erfüllt hat: imposant, überragend, selbstbewußt, zukunftshungrig.
2017 war für die GDCh ein Jubiläumsjahr. Im 19. Jahrhundert entstanden europaweit die ersten nationalen chemischen Gesellschaften. So auch in Deutschland. Am 11. November 1867 wurde die Deutsche Chemische Gesellschaft zu Berlin gegründet. Gründungspräsident war August Wilhelm von Hofmann und Gründungsort war das Diorama der Gebrüder Gropius. Anlaß genug, im Jubiläumsjahr auch in Berlin eine "Historische Stätte der Chemie" zu etablieren. Obwohl das Gebäude des Dioramas nicht mehr existiert, wurde eine Ausnahme von den Regeln unseres Programms "Historische Stätten der Chemie" gemacht und eine Erinnerungstafel an anderer Stelle, unweit des ehemaligen Standortes des Dioramas, angebracht. Wenn Sie heute nach Berlin reisen, besuchen Sie einmal den Platz vor der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität, in unmittelbarer Nähe des Bahnhof Friedrichstraße. Dort, an der mittleren Lichtsäule, erinnert unsere Tafel an August Wilhelm von Hofmann und die Gründung der Deutschen Chemischen Gesellschaft im November 1867. Nach dem 2. Weltkrieg formierten sich die Chemiker in Deutschland neu und gaben ihrer Gesellschaft als Zeichen des Neubeginns auch einen neuen Namen: seit 1949 folgen wir als Gesellschaft Deutscher Chemiker der ersten chemischen Gesellschaft nach. Viele Gebäude und Denkmäler in Berlin fielen dem 2. Weltkrieg zum Opfer. Das Diorama mußte bereits 1876 dem Bau der Stadtbahn weichen. Beim Lesen unserer Tafel an der Lichtsäule vor dem Jakob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum in Berlin-Mitte stehen Sie mit dem Rücken zur Stadtbahn-Trasse und damit also ganz in der Nähe des Ortes, wo das Diorama einstens seinen Besuchern aufregende Erlebnisse bot.
Mit dem chemischen Laboratorium Fresenius Wiesbaden, das Carl Remigius Fresenius im Jahr 1848 eröffnete, zeichnete die GDCh am 18. Juli 2013 in Wiesbaden die zwölfte "Historische Stätte der Chemie" aus und würdigt damit die Anfänge der Analytischen Chemie.
Als Carl Remigius Fresenius am 28. Dezember 1818 in Frankfurt am Main geboren wird, ist Frankfurt Freie Stadt. Sein Großvater Pfarrer in Frankfurt und, erwähnenswert, Goethes Taufpfarrer, der Vater ein Advokat. Mit C.R. Fresenius nimmt eine generationenübergreifende Chemikertradition in der Familie Fresenius ihren Anfang. Chemiker zu werden und das Laboratorium in die Zukunft zu führen, diese Aufgabe haben viele Familienmitglieder der nachfolgenden Generationen bis heute übernommen.
Im elterlichen Gartenhaus experimentiert C.F. Fresenius mit ersten chemischen Versuchen, in der Stein’schen Apotheke in Frankfurt tritt er als Lehrling ein, studiert 1840 in Bonn Chemie und Naturwissenschaften. Und schon publiziert er. Es erscheint die erste Auflage seiner „Anleitung zur Qualitativen Analyse“. Das Jahr 1842 sieht Fresenius als Staatsassistent am Universitätslaboratorium zu Gießen und er promoviert bei – Justus Liebig! 1844, da ist er knapp 26 Jahre alt, ist er Privatdozent in Gießen und wiederum ein Jahr später, 1845, wird er zum Professor am Herzoglich Nassauischen Landwirtschaftlichen Institut zu Hof Geisberg bei Wiesbaden berufen. Er heiratet und zieht nach Wiesbaden um. Mit seiner Frau Charlotte Rumpf hat er drei Söhne und vier Töchter. Zwei seiner Söhne, Theodor Wilhelm und Remigius Heinrich Fresenius, werden später sein Laboratorium fortführen.
Seine große unternehmerische Idee ist es, ein eigenes modernes Chemisches Labor zu gründen, das die damals für ihn erkennbaren Hemmnisse und Lücken bei der Fortentwicklung der chemischen Wissenschaften beseitigen und füllen würde. In seinem Labor zieht die Entwicklung der modernen Analytik Wurzeln – begründet und geprägt von C.R. Fresenius bis auf den heutigen Tag. Das Gebäude in der Kapellenstraße 11 in Wiesbaden erwirbt er für die Zwecke seines Vorhabens auf eigene Kosten und läßt sich auch durch die Wirren der Märzrevolution 1848 nicht aufhalten. Mit der Genehmigung des Herzoglich Nassauischen Ministeriums eröffnet er sein Laboratorium am 1. Mai 1848 mit fünf Schülern und einem Assistenten. Das Institut wächst, wenige Jahre später sind es 38 Schüler und drei Assistenten. 1863 gründet er daneben die pharmaceutische Lehranstalt, 1862 die Zeitschrift für Analytische Chemie, die bis heute unter dem Namen „Anlaytical and Bioanalytical Chemistry“ weiterlebt. 1876/77 organisiert er in seinem Labor die systematische Ausbildung von Nahrungsmittelchemikern, 1884 wird eine Bakteriologische Abteilung eröffnet. Ab 1895 wird die Vorbereitung auf das Nahrungsmittelchemiker-Examen im Wiesbadener Laboratorium möglich.
C.R.Fresenius, der Chemiker, Lehrer, Publizist und Unternehmer hatte unter seinen Schülern viele spätere Gründerpersönlichkeiten der aufstrebenden chemischen Industrie. Auch hier trat er prägend in Erscheinung.
Sein tätiges Leben geht zu Ende mit dem Jahr 1897. Er stirbt, seine Nachkommen sichern die weitere Entwicklung - im Wandel der Zeiten bis heute.
Die GDCh vergibt, und erinnert damit an C.R.Fresenius, seit 1961 den Fresenius-Preis für besondere Leistungen auf dem Gebiet der Analytischen Chemie.
Lesen Sie mehr in der Festbroschüre: „Historische Stätten der Chemie, Carl Remigius Fresenius und das Chemische Laboratorium Fresenius“, die zum 18. Juli 2013, zur Enthüllung der Gedenktafel in Wiesbaden erschienen ist und bei b.koehler@gdch.de bestellt werden kann.
Broschüre zum Herunterladen
Die Filmfabrik Wolfen hat als "Historische Stätte der Chemie" große Bedeutung, da 1910 hier die Produktion zunächst mit Kinefilm aufgenommen wurde. Die Filmfabrik Wolfen entwickelte sich bis Mitte der 20er-Jahre zur größten Filmfabrik Europas.
Das heutige Museum wurde 1993 in einer ehemaligen Begießerei eingerichtet. Die Besucher können den gesamten Herstellungsprozess eines fotografischen Films anhand von Originalmaschinen am Originalstandort sehen. Herausragendes Objekt ist die originale Begießmaschine, an der 1936 der erste Mehrschichtenfarbfilm der Welt (Agfacolor-Neu) produziert wurde.
Die Verbindung von historischer Produktionsstätte und umfangreichem Archiv ist einmalig in der Welt.
Programm der Festveranstaltung am 27. August 2010
Rede Prof. Beck-Sickinger (im Namen des GDCh-Vorstandes)
Bericht in der örtlichen Presse
Broschüre zum Herunterladen
Ehrung der Wirkungsstätte von Ernst Beckmann u. a. berühmter Leipziger Wissenschaftler
Am 15. Mai 2009 würdigten die GDCh und die Fakultät für Chemie und Mineralogie der Universität Leipzig die bahnbrechenden Arbeiten von Ernst Beckmann (1853-1923) in der physikalischen und synthetischen organischen Chemie.
Pressemitteilung
Broschüre zum Herunterladen
Max-Planck-Institut für Kohlenforschung Mülheim/Ruhr
Am 8. Mai 2008 würdigten die GDCh und das Max-Planck-Institut für Kohlenforschung in Mülheim an der Ruhr die bahnbrechenden Arbeiten von Karl Ziegler (1898–1973) auf dem Gebiet der organischen und metallorganischen Chemie sowie der chemischen Katalyse. Das 1953 angemeldete Patent zur Herstellung von hochmolekularem Polyethylen bei Normaldruck und Raumtemperatur mithilfe von "metallorganischen Mischkatalysatoren" aus Aluminiumalkyl- und Übergangsmetallverbindungen löste eine stürmische Entwicklung in der großtechnischen Herstellung von Polyolefinen aus, die als preiswerte Kunststoffe vielfältige Anwendung finden. Bis heute hat die Forschung und Entwicklung auf dem Gebiet der "Ziegler-Chemie" größte wirtschaftliche und technische Bedeutung behalten. Karl Ziegler erhielt 1963 den Nobelpreis für Chemie gemeinsam mit Giulio Natta, der die Stereochemie der Polymerisation von Propylen mit Ziegler-Katalysatoren aufklärte.
Karl Ziegler war 1946 Mitbegründer und bis 1951 erster Präsident der GDCh. Die GDCh verleiht den von seiner Tochter, Frau Dr. Marianne Witte, gestifteten Karl-Ziegler-Preis sowie den Karl-Ziegler-Förderpreis.
Nur noch als PDF verfügbar:
Kommission Historische Stätten:
Christoph Meinel, Regensburg
Fred Heiker, Markkleeberg
Carsten Reinhardt, Bielefeld
Gisela Boeck, Rostock
Wolfram Koch, Hünstetten